„Fundstücke“, Buntstiftzeichnungen, work in progress seit 2015

Nina Schedlmayer: „Hannah Winkelbauers Fundstücke: ein Museum des Treibguts“, 2018

Die künstlerische Verwendung von Abfall besitzt mittlerweile eine gewisse Tradition: Kurt Schwitters collagierte Fahrkarten und Zigarettenschachteln, César presste Schrottautos, Phyllida Barlow arrangierte Sperrmüll zu monumentalen Installationen und Mark Dion prangerte in seinem „Tar Museum“ Umweltverschmutzung an.1

Hannah Winkelbauer gewinnt der Thematik mit ihren „Fundstücken“ neue Facetten ab. Die Vorbilder ihrer Sujets entdeckt sie auf Spaziergängen; ihre Inspiration liegt gewissermaßen auf der Straße. Entscheidet sie sich für einen Gegenstand, zeichnet sie ihn akribisch ab. Diese Bilder schneidet sie aus und montiert sie auf nicht grundierten, rohen Leinwänden, manchmal mit einem Abstandhalter, sodass die Papierausschnitte einen Schatten werfen. Sie bildet tote Vögel, Luftballons, Steine, Feder, Tücher und vieles mehr ab; manchmal mogeln sich Gegenstände darunter, die sie nicht auf der Straße fand, etwa abgeschnittene Zöpfe.

Hannah Winkelbauer sucht die Schönheit im Unbeachteten. Und wirklich: Besitzen manche der Vögel nicht wunderbares Gefieder? Möchte man das Fell dieser toten Maus nicht streicheln, so flauschig, wie es hier erscheint? Schillern die Herbstblätter nicht in den prächtigsten Farben? Und wirkt die glänzende Oberfläche der Luftballons nicht verführerisch? Die Isolation des Motivs auf der Leinwand enthebt dieses seinem alltäglichen Kontext.

Darüber hinaus erinnert die Art der Darstellung an naturwissenschaftliche Systematiken. In manchen Arbeiten verwendet die Künstlerin sogar Objektrahmen, die diesen Eindruck unterstützen: In naturhistorischen Museen werden aufgespießte Schmetterlinge oder Insekten oft in ebensolchen Kästen präsentiert. Die Motive, die auf die Leinwände montiert sind, lassen sich zu Objektgruppen sortieren und hängen. Dadurch, dass sie als Teile einer Ordnung erscheinen, so, als wären sie wertvolle Museumsgegenstände, werden sie einmal mehr nobilitiert. So baut Hannah Winkelbauer mit ihren „Fundstücken“ ein Museum des Treibguts.

Nina Schedlmayer, freie Kunstkritikerin

1 Mehr dazu siehe: Lea Vergine, When Trash Becomes Art, Mailand 2007.